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Aktuelle Ausstellung

Tiina Heiska

Paintings
25.08.
Vernissage

TH 2018 exhib text

TH 2018 exhib text

Galerie Pugliese Levi freut sich, die erste Ausstellung in Deutschland der finnischen Künstlerin
Tiina Heiska zeigen zu dürfen.


Zur Vernissage in Gegenwart der Künstlerin sind Sie herzlich eingeladen,
eine Einführung gibt Dr. Laura Hirvi, Leiterin des Finnland-Instituts in Deutschland,
Freitag, 24. August 2018, 18 Uhr.

Die Ausstellung erhält die freundliche Unterstützung vom Finnland-Institut in Deutschland.

Ich habe so etwas wie eine Vision, weil es ein Ziel geben muss, aber immer kommt es anders. Eigentlich suche ich nach dem Moment, in dem ein Gemälde seinen eigenen Weg zu finden beginnt und mir eine Orientierung weist. Es ist ein langer, chaotischer und bewegter Prozess, in dem das ursprüngliche Motiv unterschiedliche Fassungen annimmt oder sich sogar vollkommen verändert.“ Tiina Heiska, Mai 2018

Galerie Pugliese Levi zeigt die erste Einzelausstellung der finnischen Künstlerin Tiina Heiska in Deutschland.

"Tiina Heiska beschreibt in ihren Gemälden die conditio humana, unsere Beziehungen zu uns selbst und der Existenz." Henna Paunu

Heiskas Frauenfiguren nehmen Anleihen bei fotografischen und filmischen Situationen, sie sind geheimnisvoll und manchmal beunruhigend. Planvoll und mit sicherer Hand baut Heiska eine dramatische Spannung auf. Breite Pinselstriche bezeugen den Schöpfungsmoment des Gemäldes. Die Farben sind minimalistisch und monochromatisch, dennoch zugleich kraftvoll, sie geben Szenen Licht, welche sonst häufig von Dunkelheit erfüllt sind.

Mit Ähnlichkeiten zu Alice im Wunderland evozieren Heiskas Figuren, oder die bloßen Spuren ihrer Bewegungen, sehr weibliche Zustände. Das kleine Mädchen und die erwachsene Frau, Unschuld und Sinnlichkeit, Kinderspiele und Träume, Ängste der Erwachsenen, Begehren und Fantasien wechseln einander ab und vermischen sich auf überraschende Weise.

TH - works in Exhib 2018

TH 2018 bio

TH bio (2018)

Künstlerbiographie

Tiina Heiska wurde 1959 in Helsinki geboren. Sie studierte an der Akademie der Bildenden Künste von Helsinki und der Hochschule für Kunst und Design Helsinki (UIAH). Ausstellungen wurden in Helsinki, Paris, Brüssel, Stockholm, Oslo und Malmö gezeigt. Ihre Werke sind in privaten und öffentlichen Sammlungen vertreten, darunter Wihuri Foundation, Helsinki Art Museum, Kunstmuseum Amos Anderson, Staatliche Kunstsammlung Finnland, Saastamoinen Foundation, Kunstmuseum Sara Hildén, Heino Art Foundation und das Kunstmuseum von Oulu.

Tiina Heiska

text by Henna Paunu 2018

text on TH by Henna Paunu 2018

Der Körper und das Universum – Begegnung in der Kunst von Tiina Heiska

von Henna Paunu

Tiina Heiska beschreibt in ihren Gemälden die conditio humana, unsere Berührungen mit uns selbst und der Existenz. Die Identifikation des Betrachters mit dem Erleben und der Räumlichkeit wird in diesen Gemälden durch die Darstellung von Figuren und eines unbestimmten Raums erreicht, der auf eine virtuelle, beinahe abstrakte Ebene gehoben ist. Planvoll und mit sicherer Hand baut Heiska eine dramatische Spannung auf, die unsere Aufmerksamkeit unausweichlich auf die Ursprünge der dargestellten Szenen und unsere Verbindung mit ihnen lenkt.

 

Spuren von Präsenz

Durch das Verwenden einer materiellen Technik, die auf dokumentarische Weise den Prozess des Malens selbst offenlegt, begabt Heiska ihre Werke mit einem deutlichen Sinn für die Präsenz des Künstlers. Breite Pinselstriche mit ins Auge fallenden Farben bezeugen den Schöpfungsmoment des Gemäldes. Die Zeit scheint angehalten in den Strichen, sie halten die Bewegung und das Tempo der Künstlerhand fest. Körperlichkeit und Energie der Künstlerin sind überall unübersehbar präsent. Die minimale und monochromatische Farbintensität ist dennoch zugleich kraftvoll. Auch dem Atmosphärischen des Lichts und der Bewegung, wie sie in Gestalt der Figuren und Striche wiedergegeben werden, ist die Farbe untergeordnet. Farben haben in Heiskas Werken eine fast graphische Funktion, verwandeln sich oft von einem Signalton in einen verlöschenden Ton oder aber eine fast aggressive Farbexplosion. In ihrer Monochromatik ist die Farbe dabei jedoch sehr harmonisch, von deutlicher, materieller Form. Ihre Materialität beruht nicht auf Volumen oder Schichtendicke, sondern auf einem absichtsvoll subtilen Strich, der zugleich Oberfläche und Tiefe schafft.

 

Mehr als eine Hülle

Die Figuren in Heiskas Gemälden treten aus einem anonymen Raum hervor, einem dämmrigen Innen- oder Außenraum, der nicht gastlich und persönlich, sondern steril ist, ein Übergangsraum gleich einem Hotelzimmer oder einer leeren Bühne. Weder Ort noch Zeit sind kenntlich. Der Raum des Gemäldes hat oft etwas Rätselhaftes, er ist ausladend und zyklisch, scheint die Figur einzuschließen, welche diffus im Dämmer entschwindet, wie in Schleier gehüllt.

Die dramatische Spannung in Heiskas Gemälden wird von der Körperlichkeit der Figuren geschaffen, ihren Stellungen und der darin abgebildeten Bewegung. Man gewinnt das Gefühl eines Ereignisses – etwas geschieht oder wird gleich geschehen. Den Figuren ist jegliche Persönlichkeit genommen, und sie bewegen sich auf einer unspezifischen Ebene – gleichsam wie Charaktere in einem Stück, die für diese bestimmte Situation erschaffen wurden. Diese figurenhafte Eigenart der Charaktere wird in vielen Gemälden durch ihre Kleidung und Accessoires noch betont. Heiska verfremdet die Figuren, indem sie sie mit dem Rücken zum Betrachter positioniert, sie wegschauen oder zur Seite schauen lässt. Dissoziiert von ihrer Individualität, sind die Charaktere in ihrer eigenen Welt, ihrem eigenen Körper und Raum versunken. Zu dieser Welt verschafft Heiska nun auch dem Betrachter Zugang.

 

Durch die Generationen

Heiskas Gemälde nehmen eine weibliche Perspektive ein; fast alle Charaktere in ihren Gemälden sind Frauen oder Mädchen. Indem sie genderspezifische Stereotype und Attribute aufruft, hebt Heiska die Künstlerpersönlichkeit und den subjektiven Blick auf die Ebene generalisierter Erfahrung. Privates und Allgemeines verschmelzen. Zwar mögen weibliches Bewusstsein, die Darstellung einer Frau, eines Mädchens, zunächst als Widerhall von Gender, Körperlichkeit und Erfahrung der Künstlerin erscheinen, doch vertritt Heiska den Unterschied und das Spezifische von Weiblichkeit zugleich auf einer allgemeineren Ebene. Es ist in gewisser Weise vollkommen natürlich, dass die von ihr dargestellten Menschen Frauen sind. Indem sie Verdoppelung und unterschiedliche Generationenbilder thematisiert, erkundet Heiska auch Kontinuität und Wachstum als ein mit Weiblichkeit verbundenes Thema.

Oft ist die Figur in Heiskas Gemälden ein Kind oder eine Jugendliche, vor einem Spiegel stehend, in Begleitung einer oder mehrerer fast identischer oder schwesterlicher Figuren, was ein starkes Gefühl von Bindung zwischen den Figuren evoziert. Die verdoppelten Figuren ergänzen einander, fast als seien sie aneinandergekettet. Figur und Charakter des Mädchens sind implizit dargestellt, ihr Körper gleicht einer Chiffre, die Details von Gesicht, Händen und Füßen verlieren sich im Raum. Das Geschlecht wird nur an Haar und Accessoires kenntlich, an traditionellen Attributen wie geflochtenen Zöpfen oder der Kleidung. Die kurzen Röcke der Mädchen sind zugleich nostalgisch, funktional und unbefangen, es sind zeitlose Embleme, die doch auch Unschuld und eine verlorene Zeit heraufbeschwören.

Worauf deutet Heiska mit ihren Bildern von Kindern? Worin liegt die Bedeutung des Darstellens des Standpunkts eines Kindes? Wirklichkeit und Weltsicht eines Kindes unterscheiden sich von denen eines Erwachsenen. Wahrnehmung und Erfahrung eines Kindes sind eng an die Sinne gebunden, besonders an Bewegung und physische Empfindung. Es hinterlässt Spuren in uns, wie man als Kind der Wirklichkeit und dem Erleben begegnet. Unter den Verwandlungen der Reifung scheinen die Empfindungen und Erfahrungen der Kindheit zu verschwinden, aber sie kehren wieder – manchmal als starke physische Flashbacks, oder seltsam und entfernt, wie Geister, und unbewusst, durch den Körper. Wie ein Erwachsener sich auf Bewegung bezieht, wie er sich den Raum mit dem Körper aneignet, ist nicht mehr spontan und natürlich wie bei einem Kind. Wir laufen nicht mir nichts dir nichts vom Wohnzimmer in die Küche, hüpfen nicht vor Freude einen Waldweg entlang, kauern uns nicht schmollend in die Ecke auf der Arbeit. Die Frau in der Darstellung von Heiska ist oft nachdenklich, reglos oder gar noch unbewegter. Ihr fragender und ernster Blick auf sie selbst und ihren Körper gerichtet. Durch ihre Arbeiten stellt Heiska eine Verbindung zu diesen körperlichen Veränderungen und Empfindungen, zu unserem leiblichen Dasein und Erfahrungsleben her.

 

Ganz und perfekt

Ein von Heiska häufig eingesetztes Mittel der Darstellung von Personen ist das Spiegelbild, die Reflexion. Figuren werden verdoppelt und man kann nicht sicher sein, ob man zwei oder aber eine mit einer Spiegelung sieht. Die Charaktere sind zugleich gegenwärtig und fern, sind in und außer sich – erkunden, suchen. Dies verstärkt das Gefühl von einer Art Getrenntsein und führt in der Folge zum Wunsch nach Nähe, den anderen zu finden in sich selbst, etwas das stärker und intensiver ist zu erleben. Reflektion veräußerlicht das Selbst und gibt Gelegenheit, sich selbst als den Anderen zu sehen – durch die Augen eines Außenstehenden. Diese Erfahrung ist eine der frühesten Entwicklungphasen des Ichgefühls. In seiner Theorie des Spiegelstadiums als Bildner der Identität des Ich unterstreicht der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan (1901–1981) die Wichtigkeit der Erfahrung, sich selbst im Spiegel zu erkennen, und anderer auf Beobachtung, Spiegelung und Reflexion beruhender Verhaltensweisen. Der Aufbau unseres Ich erfolgt von Anfang an durch einen Prozess der entfremdenden Reflexion: Ich bin der Andere. Das Ideal-Ich wird im Inneren auf der Basis des vorgestellten Blicks des Anderen geschaffen. Durch den Spiegelblick bauen wir eine narzisstische Vollkommenheit auf, streben wir nach einem ganzheitlichen Bild von uns selbst.

In seinen Schriften über die Wahrnehmung setzt sich der französische Philosoph Maurice Merleau-Ponty (1908–1961) mit dem Verhältnis des Individuums zu seinem Körper und dem Problem der objektiven Beobachtung des eigenen Körpers auseinander. Man kann sich nicht von außen beobachten, und doch gibt es einen einzigartigen Aspekt körperlicher Erfahrung – wir sind gleichzeitig Gegenstand und Subjekt. Wir können zugleich beobachten und beobachtet werden. Die angestrebte Einheit von Seele und Körper ist das Ideal in Merleau-Pontys Philosophie des Leibes und der Körperlichkeit, in welcher der Leib die entscheidende Verbindung zwischen uns und dem Dasein konstitutiert. Die Philosophie von Merleau-Ponty bietet auch einen selbstverständlichen Rahmen für die Erkundung der Welt, wie sie uns in den Gemälden von Tiina Heiska vorgestellt wird; der physischen Form wird hier eine besondere Bedeutung beigelegt – sie ist ein Schlüssel und eine Verbindung, ein Werkzeug der Sinnfindung und Identifikation mit Seelenzuständen, Empfindungen und Erfahrungen. Auch der Betrachter gewinnt ein körperliches Gefühl von und für die Figur im Gemälde, ein Gefühl, das nicht notwendig nach einer anderweitigen Bedeutungsbestimmung verlangt.

 

Idyll oder Albtraum

Trotz des ersten Eindrucks von Unschuld herrscht eine intensive, dunkle und spannungsgeladene Stimmung in Heiskas Gemälden. In ihnen erkundet Heiska die Einsamkeit, die Intimsphäre des Menschen, nicht aber als soziales Phänomen, sondern als fundamentale existenzielle Verfasstheit. Die Körperlichkeit in den Gemälden fokussiert den Blick und lenkt ihn um auf das Selbst, tief hinein in die Fragen des Dasein, die gelebten Momente, und auch zu Teilen in das unbewusste Selbst. Ihr Bild ist allzeit flüchtig, gleich der Wasserfläche, und daher unendlich ergreifend.

 

Henna Paunu

 

Der Körper und das Universum – Begegnung in der Kunst von Tiina Heiska

von Henna Paunu

Tiina Heiska beschreibt in ihren Gemälden die conditio humana, unsere Berührungen mit uns selbst und der Existenz. Die Identifikation des Betrachters mit dem Erleben und der Räumlichkeit wird in diesen Gemälden durch die Darstellung von Figuren und eines unbestimmten Raums erreicht, der auf eine virtuelle, beinahe abstrakte Ebene gehoben ist. Planvoll und mit sicherer Hand baut Heiska eine dramatische Spannung auf, die unsere Aufmerksamkeit unausweichlich auf die Ursprünge der dargestellten Szenen und unsere Verbindung mit ihnen lenkt.

 

Spuren von Präsenz

Durch das Verwenden einer materiellen Technik, die auf dokumentarische Weise den Prozess des Malens selbst offenlegt, begabt Heiska ihre Werke mit einem deutlichen Sinn für die Präsenz des Künstlers. Breite Pinselstriche mit ins Auge fallenden Farben bezeugen den Schöpfungsmoment des Gemäldes. Die Zeit scheint angehalten in den Strichen, sie halten die Bewegung und das Tempo der Künstlerhand fest. Körperlichkeit und Energie der Künstlerin sind überall unübersehbar präsent. Die minimale und monochromatische Farbintensität ist dennoch zugleich kraftvoll. Auch dem Atmosphärischen des Lichts und der Bewegung, wie sie in Gestalt der Figuren und Striche wiedergegeben werden, ist die Farbe untergeordnet. Farben haben in Heiskas Werken eine fast graphische Funktion, verwandeln sich oft von einem Signalton in einen verlöschenden Ton oder aber eine fast aggressive Farbexplosion. In ihrer Monochromatik ist die Farbe dabei jedoch sehr harmonisch, von deutlicher, materieller Form. Ihre Materialität beruht nicht auf Volumen oder Schichtendicke, sondern auf einem absichtsvoll subtilen Strich, der zugleich Oberfläche und Tiefe schafft.

 

Mehr als eine Hülle

Die Figuren in Heiskas Gemälden treten aus einem anonymen Raum hervor, einem dämmrigen Innen- oder Außenraum, der nicht gastlich und persönlich, sondern steril ist, ein Übergangsraum gleich einem Hotelzimmer oder einer leeren Bühne. Weder Ort noch Zeit sind kenntlich. Der Raum des Gemäldes hat oft etwas Rätselhaftes, er ist ausladend und zyklisch, scheint die Figur einzuschließen, welche diffus im Dämmer entschwindet, wie in Schleier gehüllt.

Die dramatische Spannung in Heiskas Gemälden wird von der Körperlichkeit der Figuren geschaffen, ihren Stellungen und der darin abgebildeten Bewegung. Man gewinnt das Gefühl eines Ereignisses – etwas geschieht oder wird gleich geschehen. Den Figuren ist jegliche Persönlichkeit genommen, und sie bewegen sich auf einer unspezifischen Ebene – gleichsam wie Charaktere in einem Stück, die für diese bestimmte Situation erschaffen wurden. Diese figurenhafte Eigenart der Charaktere wird in vielen Gemälden durch ihre Kleidung und Accessoires noch betont. Heiska verfremdet die Figuren, indem sie sie mit dem Rücken zum Betrachter positioniert, sie wegschauen oder zur Seite schauen lässt. Dissoziiert von ihrer Individualität, sind die Charaktere in ihrer eigenen Welt, ihrem eigenen Körper und Raum versunken. Zu dieser Welt verschafft Heiska nun auch dem Betrachter Zugang.

 

Durch die Generationen

Heiskas Gemälde nehmen eine weibliche Perspektive ein; fast alle Charaktere in ihren Gemälden sind Frauen oder Mädchen. Indem sie genderspezifische Stereotype und Attribute aufruft, hebt Heiska die Künstlerpersönlichkeit und den subjektiven Blick auf die Ebene generalisierter Erfahrung. Privates und Allgemeines verschmelzen. Zwar mögen weibliches Bewusstsein, die Darstellung einer Frau, eines Mädchens, zunächst als Widerhall von Gender, Körperlichkeit und Erfahrung der Künstlerin erscheinen, doch vertritt Heiska den Unterschied und das Spezifische von Weiblichkeit zugleich auf einer allgemeineren Ebene. Es ist in gewisser Weise vollkommen natürlich, dass die von ihr dargestellten Menschen Frauen sind. Indem sie Verdoppelung und unterschiedliche Generationenbilder thematisiert, erkundet Heiska auch Kontinuität und Wachstum als ein mit Weiblichkeit verbundenes Thema.

Oft ist die Figur in Heiskas Gemälden ein Kind oder eine Jugendliche, vor einem Spiegel stehend, in Begleitung einer oder mehrerer fast identischer oder schwesterlicher Figuren, was ein starkes Gefühl von Bindung zwischen den Figuren evoziert. Die verdoppelten Figuren ergänzen einander, fast als seien sie aneinandergekettet. Figur und Charakter des Mädchens sind implizit dargestellt, ihr Körper gleicht einer Chiffre, die Details von Gesicht, Händen und Füßen verlieren sich im Raum. Das Geschlecht wird nur an Haar und Accessoires kenntlich, an traditionellen Attributen wie geflochtenen Zöpfen oder der Kleidung. Die kurzen Röcke der Mädchen sind zugleich nostalgisch, funktional und unbefangen, es sind zeitlose Embleme, die doch auch Unschuld und eine verlorene Zeit heraufbeschwören.

Worauf deutet Heiska mit ihren Bildern von Kindern? Worin liegt die Bedeutung des Darstellens des Standpunkts eines Kindes? Wirklichkeit und Weltsicht eines Kindes unterscheiden sich von denen eines Erwachsenen. Wahrnehmung und Erfahrung eines Kindes sind eng an die Sinne gebunden, besonders an Bewegung und physische Empfindung. Es hinterlässt Spuren in uns, wie man als Kind der Wirklichkeit und dem Erleben begegnet. Unter den Verwandlungen der Reifung scheinen die Empfindungen und Erfahrungen der Kindheit zu verschwinden, aber sie kehren wieder – manchmal als starke physische Flashbacks, oder seltsam und entfernt, wie Geister, und unbewusst, durch den Körper. Wie ein Erwachsener sich auf Bewegung bezieht, wie er sich den Raum mit dem Körper aneignet, ist nicht mehr spontan und natürlich wie bei einem Kind. Wir laufen nicht mir nichts dir nichts vom Wohnzimmer in die Küche, hüpfen nicht vor Freude einen Waldweg entlang, kauern uns nicht schmollend in die Ecke auf der Arbeit. Die Frau in der Darstellung von Heiska ist oft nachdenklich, reglos oder gar noch unbewegter. Ihr fragender und ernster Blick auf sie selbst und ihren Körper gerichtet. Durch ihre Arbeiten stellt Heiska eine Verbindung zu diesen körperlichen Veränderungen und Empfindungen, zu unserem leiblichen Dasein und Erfahrungsleben her.

 

Ganz und perfekt

Ein von Heiska häufig eingesetztes Mittel der Darstellung von Personen ist das Spiegelbild, die Reflexion. Figuren werden verdoppelt und man kann nicht sicher sein, ob man zwei oder aber eine mit einer Spiegelung sieht. Die Charaktere sind zugleich gegenwärtig und fern, sind in und außer sich – erkunden, suchen. Dies verstärkt das Gefühl von einer Art Getrenntsein und führt in der Folge zum Wunsch nach Nähe, den anderen zu finden in sich selbst, etwas das stärker und intensiver ist zu erleben. Reflektion veräußerlicht das Selbst und gibt Gelegenheit, sich selbst als den Anderen zu sehen – durch die Augen eines Außenstehenden. Diese Erfahrung ist eine der frühesten Entwicklungphasen des Ichgefühls. In seiner Theorie des Spiegelstadiums als Bildner der Identität des Ich unterstreicht der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan (1901–1981) die Wichtigkeit der Erfahrung, sich selbst im Spiegel zu erkennen, und anderer auf Beobachtung, Spiegelung und Reflexion beruhender Verhaltensweisen. Der Aufbau unseres Ich erfolgt von Anfang an durch einen Prozess der entfremdenden Reflexion: Ich bin der Andere. Das Ideal-Ich wird im Inneren auf der Basis des vorgestellten Blicks des Anderen geschaffen. Durch den Spiegelblick bauen wir eine narzisstische Vollkommenheit auf, streben wir nach einem ganzheitlichen Bild von uns selbst.

In seinen Schriften über die Wahrnehmung setzt sich der französische Philosoph Maurice Merleau-Ponty (1908–1961) mit dem Verhältnis des Individuums zu seinem Körper und dem Problem der objektiven Beobachtung des eigenen Körpers auseinander. Man kann sich nicht von außen beobachten, und doch gibt es einen einzigartigen Aspekt körperlicher Erfahrung – wir sind gleichzeitig Gegenstand und Subjekt. Wir können zugleich beobachten und beobachtet werden. Die angestrebte Einheit von Seele und Körper ist das Ideal in Merleau-Pontys Philosophie des Leibes und der Körperlichkeit, in welcher der Leib die entscheidende Verbindung zwischen uns und dem Dasein konstitutiert. Die Philosophie von Merleau-Ponty bietet auch einen selbstverständlichen Rahmen für die Erkundung der Welt, wie sie uns in den Gemälden von Tiina Heiska vorgestellt wird; der physischen Form wird hier eine besondere Bedeutung beigelegt – sie ist ein Schlüssel und eine Verbindung, ein Werkzeug der Sinnfindung und Identifikation mit Seelenzuständen, Empfindungen und Erfahrungen. Auch der Betrachter gewinnt ein körperliches Gefühl von und für die Figur im Gemälde, ein Gefühl, das nicht notwendig nach einer anderweitigen Bedeutungsbestimmung verlangt.

 

Idyll oder Albtraum

Trotz des ersten Eindrucks von Unschuld herrscht eine intensive, dunkle und spannungsgeladene Stimmung in Heiskas Gemälden. In ihnen erkundet Heiska die Einsamkeit, die Intimsphäre des Menschen, nicht aber als soziales Phänomen, sondern als fundamentale existenzielle Verfasstheit. Die Körperlichkeit in den Gemälden fokussiert den Blick und lenkt ihn um auf das Selbst, tief hinein in die Fragen des Dasein, die gelebten Momente, und auch zu Teilen in das unbewusste Selbst. Ihr Bild ist allzeit flüchtig, gleich der Wasserfläche, und daher unendlich ergreifend.

 

Henna Paunu